Die Parade

Es herrschte ein reger Verkehr als Hugo die Hauptstraße überquerte. Zum ersten Mal in seinem Leben war er in der Hauptstadt. Es war weniger beeindruckend als erwartet. Nur wenige Gebäude hatten den Krieg unbeschadet überstanden, so wie das alte ziemlich heruntergekommene Hotel, das er betrat. An der Rezeption begrüßte ihn ein älterer Portier freundlich: „Einen schönen guten Tag! Was kann ich für sie tun?“ „Ich hätte gern ein Zimmer mit Blick auf die Hauptstraße“, sagte Hugo. Der Portier lächelte kurz. „Sie wollen wohl einen ungestörten Blick auf die Parade?“ Hugo nickte verlegen. „Sie haben Glück! Ein Zimmer hab ich noch frei“, entgegnete der Portier. Während sich Hugo ins Gästebuch eintrug, wies der Portier darauf hin, welch gute Wahl Hugo mit diesem Hotel getroffen hatte. Zahlreiche Paraden hatte er bereits während seiner Dienstzeit im Hotel erlebt und er wäre schon längst pensioniert worden, wenn er nicht noch so dringend gebraucht worden wäre. Es gab ja niemand, der ihn hätte ersetzen können. Aber jetzt nach dem großen Endsieg würde ja alles besser werden. Hugo stimmte zu. Der Portier übereichte ihm den Schlüssel für Zimmer 204 und wünschte noch einen angenehmen Aufenthalt.

Hugo nahm den Lift auf sein Zimmer. Er legte seinen braunen Rucksack aufs Bett und ging zum Fenster. Nachdem er es geöffnet hatte, warf er einen Blick auf die unter ihm liegende Straße. Am Tag der Parade hat man von hier oben einen hervorragenden Überblick, dachte er. Er schloss das Fenster, weil der Verkehrslärm ihm Kopfschmerzen bereitete. Überhaupt mochte Hugo keine lauten Geräusche. Sie machten ihn fast wahnsinnig. Explosionen, das Bersten von Metall und Beton. Die Erinnerungen überkamen ihn wie eine unkontrollierte Flut. Schreie von brennenden Menschen. Das Kreischen der Motoren von sich im Sturzflug befindlichen Flugzeugen. Explosionen. Stille. Endlose grüne Weideflächen erstreckten sich vor seinem inneren Auge und nur das leise Brausen eines stetigen Windes ist aus weiter Ferne zu hören. Er hatte sich wieder unter Kontrolle. Das durfte nicht noch mal passieren. Zu wichtig war sein Auftrag, denn viele Schicksale hingen von dessen Gelingen ab. Das gerade er, der einfache Ziegenhirte aus dem Norden, mit dem Auftrag betraut worden war. Er hatte gar keine Erfahrung in solchen Sachen. Angst, zu versagen, verspürte er oft. Bereits bei einer Routinekontrolle des Zuges wäre es beinahe schon vorbei gewesen, als er seinen Ausweis nicht rechtzeitig fand. Sie wussten außerdem, dass der Krieg nicht spurlos an ihm vorübergegangen war. Dieser sinnlose Krieg. Mehr als acht Jahre. Und er war von Anfang an dabei. Zu Beginn noch voller Überzeugung und mit der Zuversicht auf einen schnellen Sieg. Dann kamen die Jahre des Zweifelns gefolgt von einer unendlichen Hoffnungslosigkeit.

Nachdem Hugo eine Zeitlang geschlafen hatte, um sich von der langen Reise und der letzten Panikattacke zu erholen, ging er ein wenig spazieren. Überall in der Stadt traf er auf Reisegruppen, die vor allem aus alten Menschen oder Kindern, die kleine Nationalfähnchen trugen, bestanden und sich die wenigen Sehenswürdigkeiten, die den jahrelangen Bombenkrieg überstanden hatten, anschauten. Von überall im Land wurden sie angekarrt, um der Siegesparade beizuwohnen. Als er schon wieder an einer Gruppe vorbei kam, erklang eine Frauenstimme: „Entschuldigen Sie bitte!“ Hugo drehte sich um und sah das eine junge durchaus hübsche Frau aus der Gruppe herausgetreten war. Er blieb stehen. „Ja, bitte?“ „Ich kenne Sie doch! Sie sind im selben Hotel wie ich. Heut Vormittag haben Sie eingecheckt. Im Hotel an der Hauptstraße.“, sagte die junge Frau. „Das ist korrekt!“, antwortete Hugo. „Sind Sie von der Partei oder gar Geheimpolizist?“ „Um Gottes Willen, nein! Wie kommen Sie darauf?“, erwiderte Hugo empört. Etwas verlegen sagte die junge Frau: „Nun, Sie sind noch recht jung und die meisten jungen Männer sind von der Front noch nicht heimgekehrt. Da dachte ich … Sie sehen ja selbst, die ganze Stadt ist voll mit alten Menschen, Frauen und Kindern.“ „Ja, das ist mir auch aufgefallen“, sagte Hugo nachdenklich. „Dann sind Sie von der Presse!“, schoss es aus ihr hervor. Hugo musste lachen: „Nein, ich bin Abgesandter einer landwirtschaftlichen Vereinigung aus dem Norden.“

Mittlerweile hatte sich die Reisegruppe ein gutes Stück entfernt. „Sie verlieren Ihren Anschluss!“ „Ach, das macht nichts“, sagte die junge Frau. „Ich hab genug alte Kirchen und Denkmäler gesehen. Wollen Sie nicht einen Kaffee mit mir trinken?“ „Warum nicht“,

Während beide jeweils einen Kaffee tranken und mehrere Gläser Rotwein in der Hotelbar leerten, erfuhr Hugo, dass die junge Frau Maria hieß und sie in die Hauptstadt gereist war, um im Namen eines der zahlreichen Waisenhäuser des Landes dem Präsidenten persönlichen Dank auszusprechen für die finanzielle Unterstützung durch die Partei. Maria, selbst eine Waise, da ihre Eltern bei einem Bombenangriff ums Leben kamen, als sie vierzehn Jahre alt war, hatte die meiste Zeit des Krieges in dem Waisenhaus verbracht. Erst als Heimkind, später dann als Betreuerin. Jedenfalls hatte sie sich in den Kopf gesetzt, dem Präsidenten einen Blumenstrauß zu übereichen, sobald dieser am Hotel vorbeifahren wird. Hugo erklärte ihr, dass es wohl unmöglich sei, während der Parade zum Wagen des Präsidenten zu gelangen – zu viele Sicherheitsbeamte. Der Präsident wäre auch gut beraten gewesen alle nur erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, denn so beliebt wie er es gerne gewesen wäre war er lange nicht. Denn viele Verbrechen hat er begangen, vor dem Krieg und besonders während diesem. Wer weiß wie viele er noch begehen wird, wenn … Den Gedanken ließ Hugo fallen, denn er erinnerte sich, dass es ja einen zweiten Abgesandten mit demselben Auftrag gab, für den Fall, dass er scheitern würde. Dieses Wissen beruhigte ihn und als Maria ihn mit vielsagendem Blick anschaute, waren die düsteren Gedanken auch schon verschwunden. Sie sagte, dass sie schon lange keinen so netten jungen Mann getroffen hatte. Was ja nicht verwunderlich war, denn die waren ja in der Regel alle an der Front. „Willst du mich noch auf mein Zimmer begleiten?“, fragte Maria ihn. Sie sagte plötzlich du. Waren sie einander schon so vertraut. Es schien so. Dieser Blick. Er konnte nicht widerstehen.

Den darauffolgenden Tag verbrachten Hugo und Maria fast ausschließlich im Bett von Marias Zimmer. Das Essen ließen sie sich aufs Zimmer bringen. Das Bedürfnis, raus in die Trümmerlandschaft zu gehen, verspürten sie beide nicht. In seinem ganzen Leben hatte sich Hugo noch nie so glücklich gefühlt wie jetzt in Marias Armen. Auch seine Angst, zu versagen, schwand dahin. Er war noch fast ein Kind, als der Krieg ausbrach. Die dann folgenden Jahre hatten ihn aller positiven Empfindungen beraubt. Nun aneinandergekuschelt auf dem Bett liegend berichtete Hugo Maria von den großen Erwartungen, die seine Vereinigung in seine Reise zur Hauptstadt gesetzt hat. Und das er gewillt war, diese Erwartungen auch zu erfüllen. Er schwärmte ihr von einer besseren Zukunft in einer Welt ohne Krieg, Leid und Elend vor, die bald Wirklichkeit werden würde. Maria streichelte ihm zärtlich die Stirn und sagte: „Ich weiß!“

Am Morgen des Festtages kam es Hugo nicht ungelegen, dass Maria darauf bestand, die Parade alleine zu verfolgen. So konnte er sich ungestört in seinem Hotelzimmer auf den eigentlichen Grund seiner Reise vorbereiten. Beim Zusammenbau des Gewehrs träumte er von einem ruhigen glücklichen Leben auf einer Ziegenfarm im Norden mit einer hübschen Frau und Kindern. Vielleicht würde Maria ihn ja heiraten, wenn das hier vorüber war.

Die Straße unter dem Fenster ist voll mit Menschen. Nur die mittleren zwei Fahrspuren sind frei. Hier wird in wenigen Minuten der Konvoi des Präsidenten vorbeifahren. Hugo ist angespannt. Noch nie hat er auf so große Distanz genau treffen müssen. Seine Einführung im Umgang mit dem Gewehr war nur sehr kurz und oberflächlich. Die Zeit war knapp. Sicherlich gibt es erfahrenere Schützen in der Vereinigung, aber er war der einzige, der so kurzfristig zur Verfügung stand. Man hatte ihn kurz vorm Endsieg wegen Kriegsneurose ehrenhaft entlassen. Jetzt bloß keinen Fehler machen. Diesmal macht ihm der Lärm nichts aus. Jeder Gedanke an den vergangenen Krieg ist im Nirgendwo verdammt. Die Limousine des Präsidenten kommt in Sicht. Der Jubel der Menschenmasse schwillt ins Unermessliche an. Hugo schaut durch das Zielfernrohr. Nur wenige Meter noch und er hat freie Schussbahn. Dann wird der größte Kriegsverbrecher der Geschichte, der Millionen in den Tod geschickt, ja systematisch vernichtet hat, ein für alle mal von der Weltbühne getilgt.

Jetzt kann er sein Gesicht deutlich erkennen. Der Moment ist gekommen. Sein Zeigefinger krümmt sich. Ein Schatten. Was ist das? Zu spät! Der Schuss fällt. Der Präsident sackt zusammen von dem Gewicht der toten jungen Frau, die ihn mit einem in einen Blumenstrauß versteckten Messer niederstechen wollte.

 

 

EISENBAHN

Ich gehe einen schmalen Trampelpfad entlang. Links und rechts des Pfades erstreckt sich ein dichter Wald. Der Himmel ist durch das dichte Geäst kaum zu erkennen. Nach einer Weile wird der Pfad breiter. Auf der rechten Seite erhebt sich eine kleine Böschung. Nun ist der Pfad breit genug, sodass man ungehindert in den Himmel blicken kann. Es ist ein sonniger Tag, kaum eine Wolke ist zu erkennen.

Mittlerweile erhebt sich der Weg ein wenig, sodass auf beiden Seiten kleine Gräben entstehen. Der einstmals schmale Pfad erinnert nun an eine stillgelegte Eisenbahntrasse. Der festgetretene Lehmboden des Weges geht langsam in Kieselsteine über. Ehe ich mich versehe, stolpere ich über die erste Eisenbahnschwelle. Nun folgt in regelmäßigen Abständen eine Schwelle der nächsten. Als ich mich umblicke, erstreckt sich auch hinter mir ein Bahngleis soweit mein Auge reicht. Vom schmalen Trampelpfad ist nicht mehr eine Spur zu erkennen.

Ich beschleunige meinen Gang. Der erste Zug kommt von hinten angebraust. Ich schaue zurück. Der Zug ist nicht mehr weit weg. Ich gehe vom Gleis runter und lasse den Zug passieren. Danach betrete ich wieder das Gleis und setze meinen Weg fort. Jedoch mit erhöhter Aufmerksamkeit, da jederzeit ein weiterer Zug kommen kann. Nach einigen Metern laufe ich über eine Weiche. Nun gibt es zwei parallel verlaufende Gleise. Der nächste Zug kommt von hinten. Ich wechsle einfach das Gleis und lasse auch diesen Zug passieren und kann gleichzeitig meinen Weg fortsetzen. Doch noch bevor der Zug ganz an mir vorüber ist, kommt mir auf dem Gegengleis ein weiterer Zug entgegen. Da auf der rechten Seite die steile Böschung aufragt, muss ich, nachdem der letzte Wagon des Zuges vorbei gerauscht ist, wieder auf das andere Gleis springen – kurz bevor auf dem Gegengleis der entgegenkommende Zug vorbeirattert. Dies passiert einige Male und jedes Mal ist es noch etwas knapper.

Plötzlich teilen sich die beiden Gleise vor mir in unzählig viele Gleise auf. Es ist ein unübersichtliches Gewirr von Schienen. Jedes Gleis ist in unregelmäßigen Abständen durch Weichen mit den Nachbargleisen verbunden. Einzelne Wagons stehen verwaist auf den Gleisen herum. Von überall kommen Züge mit hoher Geschwindigkeit angerauscht. Man kann sie zwar von weitem schon sehen und hören, doch durch die unzähligen Weichen ist ihre genaue Route nicht vorherzusagen. Permanent bin ich gezwungen, von einem zum anderen Gleis zu hechten, um den Zügen auszuweichen. Teilweise muss ich drei oder vier Gleise hintereinander überqueren und dann sofort wieder in die Gegenrichtung spurten, um nicht von einem plötzlich auftauchenden Zug zermalmt zu werden, der unmittelbar vor oder hinter mir das Gleis gewechselt hat.

Überhaupt sind Züge von hinten eine kaum zu kontrollierende Gefahr. Durch den ständigen Verkehr auf allen Gleisen ist ein sich von hinten nähernder Zug fast nicht zu hören. Nur das Signalhorn, das im letzten Augenblick ertönt, kurz bevor der Zug einen droht zu überrollen, rettet mich einige Male vor dem sicheren Tod. Doch trotz aller Achtsamkeit und berechnender Voraussicht gelingt es mir nicht immer, auf das richtige Gleis zum Ausweichen zu springen. Sodass ich gefangen zwischen zwei Gleisen dazu gezwungen bin, mich an einem Signalmast oder ähnlichem festzuklammern, um nicht vom Fahrtwind der beiden Züge mitgerissen zu werden. Falls es keinen Signalmast zum festklammern in erreichbarer Nähe gibt, ist die einzige Chance, sich flach auf den Boden zu werfen und zu hoffen, nicht mitgerissen zu werden.

Ein Verlassen dieser riesigen Bahnanlage scheint nicht möglich. Jeder Versuch an ihren Rand zu gelangen scheitert daran, dass ich aufgrund des immensen Zugverkehrs gezwungen bin, ständig die Richtung zu wechseln. Wenn mal, was zwar selten aber doch tatsächlich vorkommt, eine ruhige Phase eintritt, schaffe ich es trotzdem nicht, alle Gleise zu überqueren. Nur wenige Gleise vor dem rettenden Ende braust ein mit ungeahnter Geschwindigkeit donnernder Zug heran, der mich zum Anhalten zwingt. Doch einmal in der Bewegung gestoppt, kann ich diese nicht sofort wieder in dieselbe Richtung fortsetzen. So als ob die Züge sich verschworen hätten, drängen sie mich wieder in die Mitte der Gleise. Wo sie ihr endloses Spiel mit mir fortführen.

Einige Zeit noch setze ich meinen Weg inmitten der Gleise und vorbeirasenden Züge langsam fort. Bei einer weiteren ruhigen Phase starte ich einen erneuten Versuch, das Ende der Gleise zu erreichen. Ich laufe mit aller Kraft. Die Hälfte des Weges habe ich bereits zurückgelegt. Dann entdecke ich auf dem letzten Gleis in der Ferne einen Zug. Meiner Einschätzung nach werde ich das letzte Gleis in selben Moment erreichen wie der Zug. Doch wenn ich jetzt haltmache, erreiche ich nie das Ende der Gleise. Also laufe ich weiter und der Zug kommt immer näher. Dieses Mal gebe ich nicht auf. Nein, dieses Mal nicht! Als ich das letzte Gleis endlich erreicht habe, entgleist der Zug mit ohrenbetäubendem Lärm und kommt an dem Stamm eines mächtigen Baumes zum Stehen. Ich habe es geschafft!!!

 

 

TOT

Ich verlasse meinen Körper und schwebe ohne jedes Körpergefühl unter der Decke. Ich kann meinen Körper im Bett unter mir sehen. Ich bin ziemlich alt geworden. Älter als ich mich gefühlt habe. Mein Gesicht lächelt noch. Ich habe wohl nicht gelitten. Noch ein letzter Blick und dann hinaus durchs Fenster. Es ist tiefste Nacht. Nur wenige Autos sind auf den Straßen unterwegs. Die Stadt schläft und ich mache mich auf zu meiner letzen Reise. Irgendwo muss doch das helle Licht sein. Ah, da vorne! Ne doch nicht, nur ne Straßenlaterne. Hätte nicht gedacht, dass man noch lange suchen muss. Was macht denn der Typ da unten mit der Sturmhaube? Hat’s ja ganz schön eilig. Halt, ein Lichtpunkt am Himmel, der schnell näher kommt. Na endlich! Wurde auch Zeit. Ich schweb mal entgegen. Macht bestimmt nen guten Eindruck. Hallo! Ich komme jetzt! Das Licht macht ja komische Geräusche, fast wie ein … Hubschrauber. Och! Doch nur die Polizei. Die sind bestimmt hinter dem Maskierten her. Na dann, gute Jagd!

Hinter dem Hochhaus schimmert’s hell! Schauen wir doch mal … es knallt, irgendwo wird wohl scharf geschossen … Mist! Schon wieder nichts! Nur ne Baustelle. Das die um die Uhrzeit noch arbeiten??? Also so langsam wird’s mir zu bunt. Vielleicht gibt es jemanden, den ich fragen kann. Wenn es so schwer ist, das Licht zu finden, müssen ja noch mehr von meiner Sorte hier rumschwirren. Ich bin bestimmt nicht der einzige, der heute Nacht in dieser Millionenstadt gestorben ist. Hallo! Hallo! Ist da jemand? Kann mich einer hören! Ich find das Licht nicht! Kann mir vielleicht jemand helfen?

Nichts. Keine Antwort. Vielleicht kann man mich auch gar nicht hören. Aber was nun? Die ganze Zeit planlos herumschweben, bringt’s ja auch nicht. Wo finde ich denn jemanden wie mich?

Hey, was ist da los? Blaulicht und Martinshorn, ein Rettungswagen … aber natürlich, im Krankenhaus! Also nix wie hin! Immer dem Rettungswagen nach. Da vorne ist ja auch schon das Krankenhaus.

Sieh an, das ist doch der Mann mit der Sturmhaube von vorhin. Den hat’s aber übel erwischt. Das ganze Blut. Ich glaub der macht’s nicht mehr lang.

Zäher Bursche. Gerade wär’s fast um ihn geschehen. Die Ärzte machen einen guten Job. Leider doch vergebens. Jetzt bin ich mal gespannt. Du hast Glück, du bist nicht allein, wenn’s vorüber geht. Na, was ist denn? Passiert ja gar nichts! Jetzt schieben die den einfach raus. Hallo! Der ist bestimmt gar nicht tot. Puls- und Atemtest und Laken drüber. Das scheint’s tatsächlich gewesen zu sein.

Tja, jetzt bin ich noch immer allein. Was mach ich denn jetzt?

Erst mal raus hier. Ich glaub, ich flieg einfach in den Himmel. Aus der Perspektive habe ich die Stadt noch nie gesehen. Alles wird immer kleiner. Jetzt kommen Wolken. Passiert irgendwie auch nichts. Dahinten ein Flugzeug. Wo die wohl hinfliegen? Muss wohl noch höher. Hey, was ist denn das? Ein Satellit. Hab wohl die Atmosphäre verlassen. Hier im Weltraum kommt man viel fixer voran. Mal gucken was auf dem Mond so los ist.

Na ja, sieht recht öde aus. Vielleicht ist auf dem Mars mehr los? Hey, nicht so schnell! Fast wäre ich vorbeigerauscht. Hatte ich mir spannender vorgestellt. Nur roter Sand und Felsen. Gar keine grünen Marsmenschen. Was kommt als nächstes?

Jupiter, genau! Sieht schon besser aus. Schön bunt. Da ist der große rote Fleck des Jupiters. Hab mal gelesen, dass der ein jahrtausendealter Sturm sein soll. Mal sehen, ob das stimmt.

Ganz schön windig hier. Juhu! Hey! Jippie! Man wird ganz durchgeschüttelt. Wie in einer Waschmaschine. Juhu! Aber irgendwie ist das ja auch nur langweiliges Gas. Ich glaub in unserem Sonnensystem ist nichts los. Werd mal gucken, wie’s in der Nachbarschaft ausschaut. Erst mal ordentlich beschleunigen. So. Das ist mal nen Tempo. Da kommt man früher an als man aufgebrochen ist. Ups! Da war ja schon die Nachbarsonne gewesen. Und noch eine. Und wieder eine. Nein halt, das waren zwei. Ich glaub, ich werde immer schneller. Man kann ja gar nichts mehr erkennen. Stopp!

Wo bin ich denn jetzt? Hier gibt’s gar keine Sterne. Nein, doch! Unter mir. Unsere Milchstraße! Ist ja gar nicht aus Milch, und wie ne Straße sieht die auch nicht aus. Hallo! Ist wer hier? Kann mich jemand hören? Hallo! So langsam habe ich das ungute Gefühl, ganz allein zu sein. Vielleicht ist das ja die Hölle? Für alle Zeiten alleine durchs Weltall zu schweben. Die Hölle!