Die Parade

Es herrschte ein reger Verkehr, als Hugo die Hauptstraße überquerte. Zum ersten Mal in seinem Leben war er in der Hauptstadt. Es war weniger beeindruckend als erwartet. Nur wenige Gebäude hatten den Krieg unbeschadet überstanden, so wie das alte ziemlich heruntergekommene Hotel, das er betrat. An der Rezeption begrüßte ihn ein älterer Portier freundlich: „Einen schönen guten Tag! Was kann ich für sie tun?“ „Ich hätte gern ein Zimmer mit Blick auf die Hauptstraße“, sagte Hugo. Der Portier lächelte kurz. „Sie wollen wohl einen ungestörten Blick auf die Parade?“ Hugo nickte verlegen. „Sie haben Glück! Ein Zimmer hab ich noch frei“, entgegnete der Portier. Während sich Hugo ins Gästebuch eintrug, wies der Portier darauf hin, welch gute Wahl Hugo mit diesem Hotel getroffen hatte. Zahlreiche Paraden hatte er bereits während seiner Dienstzeit im Hotel erlebt und er wäre schon längst pensioniert worden, wenn er nicht noch so dringend gebraucht worden wäre. Es gab ja niemanden, der ihn hätte ersetzen können. Aber jetzt, nach dem großen Endsieg, würde ja alles besser werden. Hugo stimmte zu. Der Portier überreichte den Schlüssel für Zimmer 204 und wünschte ihm noch einen angenehmen Aufenthalt.

Hugo nahm den Lift auf sein Zimmer. Er legte seinen braunen Rucksack aufs Bett und ging zum Fenster. Nachdem er es geöffnet hatte, warf er einen Blick auf die unter ihm liegende Straße. Am Tag der Parade hat man von hier oben einen hervorragenden Überblick, dachte er. Er schloss das Fenster, weil der Verkehrslärm ihm Kopfschmerzen bereitete. Überhaupt mochte Hugo keine lauten Geräusche. Sie machten ihn fast wahnsinnig. Explosionen, das Bersten von Metall und Beton. Die Erinnerungen überkamen ihn wie eine unkontrollierte Flut. Schreie von brennenden Menschen. Das Kreischen der Motoren von sich im Sturzflug befindlichen Flugzeugen. Explosionen. Stille. Endlose grüne Weideflächen erstreckten sich vor seinem inneren Auge und nur das leise Brausen eines stetigen Windes ist aus weiter Ferne zu hören. Er hatte sich wieder unter Kontrolle. Das durfte nicht noch mal passieren. Zu wichtig war sein Auftrag, denn viele Schicksale hingen von dessen Gelingen ab. Das gerade er, der einfache Ziegenhirte aus dem Norden, mit dem Auftrag betraut worden war, blieb ihm ein Rätsel. Er hatte gar keine Erfahrung in solchen Sachen. Angst, zu versagen, verspürte er oft. Bereits bei einer Routinekontrolle des Zuges wäre es beinahe schon vorbei gewesen, als er seinen Ausweis nicht rechtzeitig fand. Sie wussten außerdem, dass der Krieg nicht spurlos an ihm vorübergegangen war. Dieser sinnlose Krieg. Mehr als acht Jahre. Und er war von Anfang an dabei. Zu Beginn noch voller Überzeugung und mit der Zuversicht auf einen schnellen Sieg. Dann kamen die Jahre des Zweifelns gefolgt von einer unendlichen Hoffnungslosigkeit.

Nachdem Hugo eine Zeitlang geschlafen hatte, um sich von der langen Reise und der letzten Panikattacke zu erholen, ging er ein wenig spazieren. Überall in der Stadt traf er auf Reisegruppen, die vor allem aus alten Menschen oder Kindern bestanden, die kleine Nationalfähnchen trugen, und sich die wenigen Sehenswürdigkeiten, die den jahrelangen Bombenkrieg überstanden hatten, anschauten. Von überall im Land wurden sie angekarrt, um der Siegesparade beizuwohnen. Als er schon wieder an einer Gruppe vorbei kam, erklang eine Frauenstimme: „Entschuldigen Sie bitte!“ Hugo drehte sich um und sah das eine junge durchaus hübsche Frau aus der Gruppe herausgetreten war. Er blieb stehen. „Ja, bitte?“ „Ich kenne Sie doch! Sie sind im selben Hotel wie ich. Heut Vormittag haben Sie eingecheckt. Im Hotel an der Hauptstraße“, sagte die junge Frau. „Das ist korrekt!“, antwortete Hugo. „Sind Sie von der Partei oder gar Geheimpolizist?“ „Um Gottes Willen, nein! Wie kommen Sie darauf?“, erwiderte Hugo empört. Etwas verlegen sagte die junge Frau: „Nun, Sie sind noch recht jung und die meisten jungen Männer sind von der Front noch nicht heimgekehrt. Da dachte ich … Sie sehen ja selbst, die ganze Stadt ist voll mit alten Menschen, Frauen und Kindern.“ „Ja, das ist mir auch aufgefallen“, sagte Hugo nachdenklich. „Dann sind Sie von der Presse“, schoss es aus ihr hervor. Hugo musste lachen: „Nein, ich bin Abgesandter einer landwirtschaftlichen Vereinigung aus dem Norden.“

Mittlerweile hatte sich die Reisegruppe ein gutes Stück entfernt. „Sie verlieren Ihren Anschluss.“ „Ach, das macht nichts“, sagte die junge Frau. „Ich hab genug alte Kirchen und Denkmäler gesehen. Wollen Sie nicht einen Kaffee mit mir trinken?“ „Warum nicht“, antwortete er.

Während beide jeweils einen Kaffee tranken und anschließend mehrere Gläser Rotwein in der Hotelbar genossen, erfuhr Hugo, dass die junge Frau Maria hieß und sie in die Hauptstadt gereist war, um im Namen eines der zahlreichen Waisenhäuser des Landes dem Präsidenten persönlichen Dank auszusprechen für die finanzielle Unterstützung durch die Partei. Maria, selbst eine Waise, da ihre Eltern bei einem Bombenangriff ums Leben kamen, als sie vierzehn Jahre alt war, hatte die meiste Zeit des Krieges in dem Waisenhaus verbracht. Erst als Heimkind, später dann als Betreuerin. Jedenfalls hatte sie sich in den Kopf gesetzt, dem Präsidenten einen Blumenstrauß zu übereichen, sobald dieser am Hotel vorbeifahren wird. Hugo erklärte ihr, dass es wohl unmöglich sei, während der Parade zum Wagen des Präsidenten zu gelangen – zu viele Sicherheitsbeamte. Der Präsident wäre auch gut beraten gewesen, alle nur erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, denn so beliebt wie er es gerne gewesen wäre war er lange nicht. Denn viele Verbrechen hat er begangen, vor dem Krieg und besonders während diesem. Wer weiß, wie viele er noch begehen wird, wenn … Den Gedanken ließ Hugo fallen, denn er erinnerte sich, dass es ja einen zweiten Abgesandten mit demselben Auftrag gab, für den Fall, dass er scheitern würde. Dieses Wissen beruhigte ihn und als Maria ihn mit vielsagendem Blick anschaute, waren die düsteren Gedanken auch schon verschwunden. Sie sagte, dass sie schon lange keinen so netten jungen Mann getroffen hatte. Was ja nicht verwunderlich war, denn die waren ja in der Regel alle an der Front. „Willst du mich noch auf mein Zimmer begleiten?“, fragte Maria ihn. Sie sagte plötzlich du. Waren sie einander schon so vertraut. Es schien so. Dieser Blick. Er konnte nicht widerstehen.

Den darauffolgenden Tag verbrachten Hugo und Maria fast ausschließlich im Bett von Marias Zimmer. Das Essen ließen sie sich aufs Zimmer bringen. Das Bedürfnis, raus in die Trümmerlandschaft zu gehen, verspürten sie beide nicht. In seinem ganzen Leben hatte sich Hugo noch nie so glücklich gefühlt wie jetzt in Marias Armen. Auch seine Angst, zu versagen, schwand dahin. Er war noch fast ein Kind, als der Krieg ausbrach. Die dann folgenden Jahre hatten ihn aller positiven Empfindungen beraubt. Nun, eng aneinander gekuschelt auf dem Bett liegend, berichtete Hugo Maria von den großen Erwartungen, die seine Vereinigung in seine Reise zur Hauptstadt gesetzt hat. Und das er gewillt war, diese Erwartungen auch zu erfüllen. Er schwärmte ihr von einer besseren Zukunft in einer Welt ohne Krieg, Leid und Elend vor, die bald Wirklichkeit werden würde. Maria streichelte ihm zärtlich die Stirn und sagte: „Ich weiß.“

Am Morgen des Festtages kam es Hugo nicht ungelegen, dass Maria darauf bestand, die Parade alleine zu verfolgen. So konnte er sich ungestört in seinem Hotelzimmer auf den eigentlichen Grund seiner Reise vorbereiten. Beim Zusammenbau des Gewehrs träumte er von einem ruhigen glücklichen Leben auf einer Ziegenfarm im Norden mit einer hübschen Frau und Kindern. Vielleicht würde Maria ihn ja heiraten, wenn das hier vorüber war.

Die Straße unter dem Fenster ist voll mit Menschen. Nur die mittleren zwei Fahrspuren sind frei. Hier wird in wenigen Minuten der Konvoi des Präsidenten vorbeifahren. Hugo ist angespannt. Noch nie hat er auf so große Distanz genau treffen müssen. Seine Einführung im Umgang mit dem Präzisionsgewehr war nur sehr kurz und oberflächlich. Die Zeit war knapp. Sicherlich gibt es erfahrenere Schützen in der Vereinigung, aber er war der einzige, der so kurzfristig zur Verfügung stand. Man hatte ihn kurz vorm Endsieg wegen Kriegsneurose ehrenhaft entlassen. Jetzt bloß keinen Fehler machen. Diesmal macht ihm der Lärm nichts aus. Jeder Gedanke an den vergangenen Krieg ist im Nirgendwo verdammt. Die Limousine des Präsidenten kommt in Sicht. Der Jubel der Menschenmasse schwillt ins Unermessliche an. Hugo schaut durch das Zielfernrohr. Nur wenige Meter noch und er hat freie Schussbahn. Dann wird der größte Kriegsverbrecher der Geschichte, der Millionen in den Tod geschickt, ja systematisch vernichtet hat, ein für alle mal von der Weltbühne getilgt.

Jetzt kann er sein Gesicht deutlich erkennen. Der Moment ist gekommen. Sein Zeigefinger krümmt sich. Ein Schatten. Was ist das? Zu spät! Der Schuss fällt. Der Präsident sackt zusammen von dem Gewicht der toten jungen Frau, die ihn mit einem in einen Blumenstrauß versteckten Messer niederstechen wollte.

 

 

Das Kampfhaus

Das Leben ist hart in einer überbevölkerten Gesellschaft, in der Lebensraum immer knapper wird. Wenn man zu den Ärmsten der Unterschicht gehört, ist es noch schwerer. Laut einer alten Familiensage gehörte meine Familie früher einmal zu der sogenannten Mittelschicht, die es mittlerweile gar nicht mehr gibt. Es gab angeblich mal eine Zeit, da hat sich das gesparte Geld stetig vermehrt, sodass man auch als einfacher Arbeiter oder Angestellter zu ein klein wenig Wohlstand gelangen konnte. Damals hat man auch noch mit Bargeld bezahlt. Mein Großvater erzählte dieses Märchen in meinen Kindheitstagen oft. Gott hab ihn selig, den alten Motzki. Physisches Geld kennt heute keiner. Selbst die Vorstellung ist den meisten derart fremd, dass sie es für eine fiktive Idee aus einer NetPrime-Serie oder einem VR-Game halten. Selber Bargeld in der Hand gehalten hatte mein Opa nie. Er kennt die Sage auch nur von seinem Opa und der wiederum von seinem Opa. Kathrin, meine Ex-Freundin aus der Schulzeit, behauptete mal, ihre Oma hätte noch echtes Geld von früher, versteckt in einer kleinen Box unterm Bett. Doch das hat sich als Lüge herausgestellt. Als wir einmal heimlich in die Box geschaut haben, waren da nur alte bedruckte Stofffetzen und goldfarbene Mantelknöpfe.

Die Schere zwischen Arm und Reich klafft mittlerweile so weit auseinander, dass es nur noch obszön reiche und bettelarme Menschen gibt. Die Armen müssen alles tun, um ihr tägliches Überleben zu sichern, wirklich alles. Sich prostituieren, Organe verkaufen, Versuchskaninchen für medizinische oder andere Experimente werden oder sich freiwillig als Opfer für die abartigsten Fantasien der obszön Reichen verdingen. Selbst wenn man einen der raren Jobs bei den Konzernen ergattert, verzögert sich der Absturz ins Bodenlose nur eine Zeit lang. Früher war so ein Job Garant für ein sicheres Leben – noch so ein Märchen von meinem Großvater. Angestellte hatten nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte. Wie absurd! Sie konnten nicht einfach so entlassen werden und es gab angeblich sogar Gehalt bei Krankheit und bezahlten Urlaub. Das ist noch unglaubwürdiger als das mit dem Bargeld. Man soll sogar im Laufe des Lebens immer mehr Coins erhalten haben anstatt immer weniger. Wie soll das denn funktionieren? Jeder weiß doch, dass Geld stetig weniger wird. Das ist ein unumstößliches Naturgesetz. Nur als Experte und durch stetig härtere Arbeit kann man der Geldentropie eine gewisse Zeit entgegen wirken. Normale Konzernangestellte haben es jedoch nicht so leicht. Da auf jeden Job zehntausende Arbeitssuchende kommen, drücken die Arbeitgeber den Lohn beliebig nach unten. Es gibt ja immer einen, der für noch weniger arbeitet als man selbst. Natürlich ist das ein Teufelskreis, der in die totale Verschuldung und anschließender Leibeigenschaft oder in den Tod durch Überarbeitung führt.

Ich bin wirklich froh, dass ich einen Job gefunden habe, indem ich wirklich gut bin. Ich verkaufe meinen Körper. Nein, nicht für Sex oder klinische Studien, sondern um zu kämpfen. Man kann sagen, ich habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Schon in der Grundschule war ich der größte Schläger des Pausenhofs. Meine Klassenlehrerin sagte immer: „Steve, wenn du groß bist, wirst du bestimmt einmal Preisboxer in ner 4D-Fernsehshow.“ Nun habe ich es sogar in die fünfte Dimension geschafft. Frau Sperling wäre bestimmt stolz auf mich, wenn Sie noch Leben würde. Dummerweise für Sie wurde Sie beim Amoklauf eines ehemaligen Schülers von ihr desintegriert – kurz bevor alle Schulen weltweit für immer geschlossen wurden. Wer braucht schon Schulen und Lehrer? Alles was man als guter Konsument und pflichtbewusster Konzernsoldat wissen muss, wird einem in den ersten fünf Lebensjahren ja sowieso per 5D neuronal ins Gehirn gebrannt.

Seit dem Ende meines Friedensdiensts nehme ich regelmäßig an Wohnzimmerkämpfen teil. Das sind die modernen Gladiatorenkämpfe. Allerdings finden die nicht in einer pompösen Arena vor zehntausenden Zuschauern statt und sind auch weniger glamourös und heldenhaft. Wir kämpfen in unseren Häusern oder Wohnungen, in denen wir auch leben. Das Wohnzimmer ist zu einer kleinen Kampfarena umgebaut mit mal mehr, mal weniger großen Freiflächen, gepolsterten Schränken, um darauf herumzuspringen oder Deckung zu suchen, Seilen, Netzen, Trampolins oder Löchern im Boden. Jedes Wohnzimmer ist anders eingerichtet und spiegelt die Kampfvorlieben der Bewohner wider. Gekämpft wird mit jeder Art von Schlag-, Hieb-, Stich- und Wurfwaffe, die man sich vorstellen kann. Schusswaffen und Schocker sind verboten und deren Einsatz wird mit sofortiger Disqualifikation und vollständiger Enteignung bestraft. Der Ausschluss aus der Konsumgesellschaft ist für die meisten gleichbedeutend mit dem Tod. Dies droht einem auch bei vielen weiteren Vergehen, und manchmal auch aus reiner Willkür. Nur wenige haben die mentale Stärke, um nicht an der größtmöglichen gesellschaftlichen Ächtung zu zerbrechen. Weder gibt es staatliche Sozialsysteme noch eine zwischenmenschliche Solidarität, die den Sturz ins Bodenlose abfedern. Wer nicht gleich Suizid begeht, endet als Sklave eines Billiardärs oder eines Globalkonzerns, was früher oder später ebenfalls den Tod zur Folge hat – meist früher als später. Ich präferiere daher eindeutig den Suizid. Er hat wenigstens etwas heroisches, wie bei den antiken Schwertkämpfern aus dem längst im Meer versunkenen Nihonia.

Normalerweise treten zwei Zweierteams gegeneinander an, obwohl es auch Familienduelle gibt, die aber meist zu unübersichtlich für die Zuschauer und daher nicht so beliebt sind. Ach ja, die Kämpfe werden von gut zwei Dutzend hyperhochauflösenden 5D-Minikameras aufgezeichnet und als Livestream ins Netz übertragen. Die Mini Cams erfassen wirklich jeden Winkel des Kampfraums, sodass den Zuschauern und den Kampfrichtern nichts verborgen bleibt.

Es gibt immer ein Herausforder- und ein Verteidigerteam. Die Verteidiger haben Heimrecht. Sie verteidigen ihre Kampfarena, also ihre Wohnstätte, gegen die ortsfremden Herausforderer. Ziel ist es, entweder sein Heim zu verteidigen oder eben das fremde Heim zu erobern. Der Kampf dauert so lange bis ein Team entweder tot, kampfunfähig oder in die Flucht geschlagen wurde. Der Heimvorteil der Verteidiger wird durch das höhere Risiko, sein Heim zu verlieren, wieder ausgeglichen. Während es für Herausforderer im Zweifelsfall besser ist, die Flucht zu ergreifen, kämpfen Verteidiger fast immer bis zum Sieg oder Tod.

Heute haben wir ein Heimspiel. Wir, das sind Joe, mein bester Kumpel seit Kindheitstagen, und ich, Steve. Aber unsere echten Namen spielen keine Rolle. In der LRBL, der Living-Room-Battle-League, sind wir Cheech and Chong. Den Namen haben wir von ner altertümlichen Unterhaltungsfilmreihe. Also wirklich alte Filme, 2D und so. Das kann sich heute kein normaler Mensch mehr antun. 90 Minuten fast keine Sinnesreize. Bei 4D schlafen die meisten ja schon ein, aber 2D ist wie scheintot. Aber irgendwie habe ich ein Faible für so alte Schinken. Nicht das ich mir die wirklich anschaue, ich sammle nur alles, was damit zu tun hat wie Poster, bedruckte Plastikhüllen für silberne und blaue Minifrisbees – irgendwie fliegen die nicht mehr so dolle –, Kunstofffiguren und Kuscheltiere sowie anderes Zeugs. Mehre Zimmer unseres bescheidenen Heims sind rappelvoll mit altem Merchandise. Meine aktuelle Freundin Sabrina findet das total spießig und dem Konsumgedanken zuwiderlaufend. Ich soll doch gefälligst Neuware kaufen anstatt so alten Krams, der einfach nicht kaputt gehen will. Wenn man sich was Neues kauft, kurbelt man nicht nur die Wirtschaft an, sondern kann sich sicher sein, dass es nach kurzer Zeit defekt ist oder sich in Staub aufgelöst hat. So braucht man sich auch keine Gedanken zu machen, wo man es aufbewahren soll, wenn man nach drei Tagen das Interesse daran verliert, sagt sie. Da kann ich wohl froh sein, dass Sabrina nicht nach drei Tagen das Interesse an mir verloren hat.

Was wollte ich nochmal erzählen? Ach ja, Heimspiel. Chech and Chong gegen die Bolzenschweine. Die heißen so wegen der ganzen Nietbolzen an ihren Kunstlederjacken. Die sind neu in der Liga. Wir kämpfen zum ersten Mal gegeneinander. Daher wissen wir auch noch nicht genau, was uns erwartet. Große Sorgen machen wir uns dennoch nicht. Unser Wohnzimmer ist unsere Festung. Seitdem wir vor über 5 Jahren mit den Kämpfen begonnen haben, sind wir zuhause ungeschlagen. Unsere Arena ist über die Jahre immer weiter verfeinert worden und mittlerweile so gut auf unseren Kampfstil abgestimmt, dass uns kaum einer das Wasser reichen kann. Natürlich haben wir auch schon mal verloren, aber eben nur auswärts. Von schwereren Verletzungen oder gar Verstümmelungen sind wir bisher auch verschont geblieben. Nur bei unserem letzten Kampf wurde es echt knapp, weil dieser Irre aus Verzweiflung mit einem Taser auf mich losging. Nachdem ich schon wehrlos auf dem Boden lag, verpasste er mir noch weitere Schocks bis endlich die Ringrichterbots das Haus stürmten und den Irren in Gewahrsam nahmen. Seinem Kompagnon hat die dämliche Aktion sogar das Leben gekostet. Erschrocken über die unüberlegte Tat seines Teampartners, die die sichere Disqualifikation bedeutete, wurde er einen Moment unachtsam. Joe nutzte dies eiskalt aus und zertrümmerte dessen Schädel an der harten Kannte eines Schranks.

Man, hatte ich Schmerzen. Meine Muskeln brannten wie Feuer und mein Kopf fühlte sich an, als ob er in einer Waschmaschine während des Schleudergangs steckte. Zum Glück war die Sanitätsdrohne schnell vor Ort. Etwas Gutes hatte die unfaire Attacke dann doch, der Oberste Ringrichter schaltete sich unmittelbar nach dem Kampf per Holografie in unser Wohnzimmer. Als Entschädigung für den groben Regelverstoß bekamen wir 5000 Coins als Bonus gutgeschrieben. Was macht man als vorbildlicher Bürger mit soviel Geld? Natürlich konsumieren, denn Konsum ist oberste Bürgerpflicht. Da wir zudem 4 Wochen kampffrei bekamen, gönnten wir uns unseren ersten und einzigen Urlaub bisher . Zwei Wochen auf den Uranhalden in Gorleben, dem Kurort für alle, die was auf sich halten. Unsere Girls waren begeistert und der Sex niemals wieder so gut damals. Irgendwie mussten wir den ganzen Schotter ja ausgeben, bevor die Zinsen alles aufgefressen hätten. In den restlichen zwei Wochen haben wir unser Wohnzimmer renoviert. Dabei wurde die restliche Kohle vor der Entropie bewahrt. Hart trainiert haben wir auch. Unsere kommenden Gegner sollten gar nicht erst hoffen, dass die niederträchtige Attacke uns irgendwie geschwächt hat.

Heute haben wir also die Bolzenschweine zu Gast. In ihren ersten Kämpfen haben Sie wohl für Furore gesorgt – Anfängerglück halt. Joe und ich stehen kampfbereit auf unseren Startpositionen. Der Countdown tickt runter. 3, 2, 1, möööp! Die Haustür öffnet sich und ein kleiner schmächtiger Emo betritt unser Wohnzimmer. Verkniffen schaut er sich um und pustet dabei seinen über das halbe Gesicht hängenden Haarscheitel beiseite. Hinter ihm wird es plötzlich finster. Eine unförmige zwei Meter große Masse quetscht sich durch die Tür und verdeckt jegliches Sonnenlicht.

So einen ekelerregenden Fettsack hab ich mein Lebtag noch nicht gesehen. Dämlich grinsend lugt er über den jetzt zwergenhaft wirkenden Emo herüber. Kleine glänzende Augen linsen aus einem aufgedunsenen Schweinskopf, der umringt von dünnem, fettigen, schwarzen Haar ist. Ich glaub, ich muss kotzen.

Der Emo klappt seine beiden Balisongs in einer eleganten Bewegung auf und stürzt sich sofort auf Joe. Also bekomme ich es mit dem Fettsack zu tun. Na toll! Erstaunlich behände kommt der Fleischberg zwischen den im Zimmer verteilten Möbeln auf mich zu. Er versucht, schnell nah an mich heran zu kommen, um seine Körpermasse gewinnbringend einsetzen zu können. An seinen Händen trägt er Schlagringe. Ich kann mir jetzt gut vorstellen, wie er seine bisherigen Gegner fertiggemacht hat. Wenn er erst einmal mit seinem gesamten Gewicht auf seinem Opfer sitzt, drischt er solange auf dessen Kopf ein, bis dieser Matsche ist. Wer einmal in diese missliche Lage gerät, kommt wohl aus eigener Kraft nicht mehr frei.

Zum Glück habe ich mich für die Stahlkette entschieden. So kann ich den Fettsack problemlos auf Distanz halten, indem ich ihm die Kette mit voller Wucht in die Klöten dresche. Ich darf mich bloß nicht in die engeren Bereiche der Kampfarena drängen lassen, wo nicht genügend Platz für einen effektiven Ketteneinsatz vorhanden ist. Bei jedem Treffer mit der Kette stößt er einen abstoßend hellen, quiekenden Laut aus. Möglicherweise ist der Fettsack tatsächlich eine Kreuzung zwischen Mensch und Schwein. Ein fehlgeschlagenes Zuchtprojekt eines gelangweilten Milliardärs vielleicht.

Einige Volltreffer später muss sich das Schweinsgesicht jedenfalls mit schmerzverzerrtem Gesicht zurückziehen. Öliger Schweiß rinnt ihm Stirn und Wangen hinab und tropft anschließend vom Doppelkinn. Nach und nach bilden sich kleine schmierige Pfützen auf dem Boden. Merke! In der Ecke des Fettsacks besteht Rutschgefahr. Nach kurzer Verschnaufpause setzt er erneut zur Attacke an. Das ganze wiederholt sich noch zweimal, dann setzt sich der Kerl seelenruhig auf eine Fensterbank. So eine Dreistigkeit muss bestraft werden. Sofort verpasse ich ihm einen deftigen Schlag mit der Kette an den Kopf. Mehr als eine kleine Platzwunde an der Schläfe verursacht der heftige Schlag leider nicht. Fett polstert doch ganz ordentlich.

Empört beschwert er sich nun. Mit seiner Eunuchenstimme erläutert er, dass die Fensterbank ja wohl als Rückzugsort gelte, an dem man nicht angegriffen werden darf. Joe und ich wundern uns über die uns bisher unbekannte Regel. Aber na gut, wenn er meint, dann soll er halt seine Pause haben. Während der Schweinemann nach Luft japsend auf der Fensterbank Picknick macht und sich den Schweiß mit seinen Wurstpranken aus dem Gesicht wischt, rüste ich noch mal auf, indem ich einen Totenschädel am Ende der Kette befestige. Es ist kein echter menschlicher Schädel, sondern ein Imitat aus Metall. Den haben wir irgendwann einmal zwei Bikern abgenommen, die auf ganz harte Jungs gemacht hatten, aber letztlich doch jämmerliche Feiglinge waren. Jetzt hat die Kette jedenfalls noch mehr Wumms.

Plötzlich attackiert der Fette wieder. Diesmal hat er eine Peitsche, um auch aus der Distanz zuschlagen zu können. Einmal erwischt er mich. Verdammt, dass tut ganz schön weh. Er lacht dreckig. Die Nummer mit der Pausenregel auf der Fensterbank war natürlich nur ein Ablenkungsmanöver, um sich die Peitsche zu holen. „Jetzt weißt du, wie es mir gerade erging“, quiekt er höhnisch und holt zum nächsten Peitschenhieb aus.

Das erste Mal kommt mir der Gedanke, dass das hier auch böse für mich ausgehen kann. Stroboskopartig schießen mir Bilder vom Schockerangriff durch den Kopf. Ich spüre meine Muskeln brennen. Der Geruch von verbranntem Fleisch steigt mir in die Nase. Nein! Daran will ich nicht denken. Sofort geh ich zum Angriff über. Ich verpasse dem Fetten einige krasse Schläge mit meiner Kettenkeule. Wimmernd weicht er zurück. Jedoch gibt er noch nicht auf. Noch einmal holt er zu einem kraftvollen Peitschenhieb aus. Ich kann diesen jedoch abfangen, ergreife das Peitschenende und mit einem Ruck entreiße ich ihm die Peitsche. Dabei rutschen auch die Schlagringe von seinen Händen und klatschen klirrend zu Boden. Schweiß ist halt ein gutes Schmiermittel.

Gänzlich seiner Waffen beraubt flüchtet der Fettsack aus dem Haus. Sein schmächtiger Freund schließt sich ihm unmittelbar an. Joe und ich haben wieder einmal triumphiert. Ein schönes Gefühl, weiterhin ein Heim zu haben, in dem man sein Abendessen gemütlich auf der Couch genießen kann beim NetPrime-Serien-Bingen.

 

 

Die Kieschen Müller Story

Kieschen Müller war die kaum beachtete Schwester von Lieschen Müller, welche vor allem in den Sechzigern deutschlandweit zu großer Berühmtheit gelangte. Mitverantwortlich für ihren Erfolg war der Kinofilm „Der Traum von Lieschen Müller“ in dem sie eine etwas dümmliche Büroangestellte spielte. Später heiratete sie den Hans Wurst des deutschen Wirtschaftswunders, Otto Normalverbraucher.

Kieschen Müller hingegen war zwar hochintelligent, musste sich jedoch zunächst jahrelang auf Baustellen verdingen und Kies schaufeln. Hier schlief sie sich kontinuierlich die Karriereleiter hinauf und gründete in den frühen Siebzigern ihr eigenes Unternehmen, die Kiesmüller Korrosionsschutz GmbH, mit dem erschlichenen Vermögen eines Baumagnaten, den sie Gerüchten zufolge auf verruchte Weise ins Jenseits beförderte.

Nachdem Kieschen Müller die Leitung des Unternehmens an ihre Tochter Kieselotte Korrosionsschutzpulver abtrat, verliert sich ihre Spur. Während ihre mittlerweile in die Jahre gekommene Schwester und ihr Ehemann ein erfolgreiches Comeback in der deutschen Autobahnraststättenbranche unter den Pseudonymen Kimberly Clark und Dan Dryer schafften.

Anmerkung:

Kieselotte hat zwar einen altbackenen Vornamen, ist jedoch erst in den frühen Dreißigern (also nicht etwa in den Dreißiger Jahren geboren, sondern eher so 31 Jahre alt) und ganz hübsch. Ich kenne ihren Ex-Freund schon seit einigen Jahren. Mich hatte Kieselotte ja abblitzen lassen. Schade, ich dachte damals, ich könnte meinen Lebenstraum endlich wahr werden lassen, Hausmann zu werden und mich kreativ auszuleben ohne finanzielle Sorgen befürchten zu müssen. Tja, Pech gehabt!

(Unbekannter Kreativer)